Moose und Flechten – Wasserspeicher und Bioindikatoren (Teil II)

von Beate (Kommentare: 0)

Flechten sind schon etwas ganz Besonderes. Nicht nur, dass sie eine Sonderstellung unter den Lebewesen einnehmen, auch ihre Formen und Farben sind äußerst extravagant.

Erst seit etwa 100 Jahren ist bekannt, dass es sich bei den Flechten um eine Symbiose (Lebensgemeinschaft) aus Pilz und Alge handelt. Häufig sind es Schlauchpilze, die mit Grünalgen oder in wenigen Fällen auch mit Cyanobakterien (Blaualgen) eine Symbiose eingehen.

Flechten – Zweckgemeinschaften aus Pilzen und Algen

Flechten kommen in den unterschiedlichsten Farbtönen vor. So erstreckt sich ihr Farbspektrum von Weiß über Gelb, Braun, Orange, Rot bis hin zu Blaugrün, Grau und Schwarz. Die Form der Flechte wird meist vom Pilz vorgegeben. Unter einer Rindenschicht aus Pilzfäden befindet sich eine Zone, in der die Alge eng mit dem Pilz verbunden lebt. In dieser Gemeinschaft regelt der Pilz die Zellteilungsrate und das Wachstum. Die Alge ist im Gegensatz zu ihm zur Photosynthese fähig, also in der Lage Kohlendioxid mit Hilfe von Sonnenlicht in energiereiche Nahrung umzuwandeln. Normalerweise erzeugen die Algen dabei Zucker. In Verbindung mit dem Pilz werden sie jedoch gezwungen Zuckeralkohole zu produzieren, die der Pilz besser verarbeiten kann.

Genügsame Flechten

Flechten können mehrere hundert Jahre alt werden, dabei stellen sie keine hohen Ansprüche an ihre Nährstoffe. Sie nehmen Mineralien als Staub über die Luft oder den Untergrund auf. Da die Flechten extrem langsam wachsen, können sie sich nicht gegen das Überwuchern anderer Pflanzen wehren. So werden sie häufig bei der Photosynthese behindert. Doch Flechten besitzen, wie auch einige Moose, die Fähigkeit jahrelang in eine Ruhstarre zu fallen. Sobald wieder Wasser und Feuchtigkeit zur Verfügung stehen, setzen sie dann ihr Wachstum fort.

Die Vermehrung der Flechten erfolgt über spezielle Vermehrungsorgane oder sie bilden winzige Sporen, die sich über einen Pilzfaden an eine frei lebende Alge binden. Daraus entwickelt sich dann eine neue Flechte.

Flechten mit Pioniergeist

Flechten wachsen auf Rinden von Laub- und Nadelbäumen, als Aufsitzerpflanze (Epiphyten) auf anderen Pflanzen oder Gestein. Bei uns finde ich sie meist auf Baumrinden, abgebrochenen Aststücken oder auf Steinplatten und Dachziegeln.

Dort wo Flechten Gestein und Geröll besiedeln, übernehmen sie auch Aufgaben von Pionierpflanzen. Denn Flechten sind nicht nur in der Lage auf dem Gestein aufzusitzen, sondern auch in weiche Gesteine, wie etwa Kalkstein einzudringen. Kratzt Du auf dem Stein, wird darunter die grüne Algenschicht der Flechte sichtbar. Mit ihren sogenannten Flechtensäuren zersetzen sie die Feinsubstanz und tragen zur Verwitterung des Gesteins bei. Der aus der Kombination der Feinsubstanzen und des Humus entstehende Boden ist dann in der Lage Wasser zu speichern. Er liefert damit eine wichtige Voraussetzung für die Ansiedlung höherer Pflanzen.

Flechten sind in allen Klimazonen vertreten. Von den 25.000 Flechtenarten kommen in Mitteleuropa etwa 2.000 Arten vor. Dabei handelt es sich meist um kleinwüchsige Krustenflechten. Aufgrund ihrer hohen Anpassungsfähigkeit sind die meisten Flechten im Hochgebirge und im hohen Norden vertreten. Flechten können kein Wasser speichern, deshalb bevorzugen sie regenreiche Standorte oder Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit.

Welche Wuchstypen von Flechten gibt es?

Flechten sind in vier Wuchstypen aufgeteilt. Dazu gehören die dicht mit dem Untergrund verhafteten Krustenflechten. Die Gallertflechten, die mit Cyanobakterien eine Symbiose bilden. Sie sind dunkel gefärbt und quellen bei Befeuchtung gallertartig auf. Die Blattflechten, die locker mit dem Untergrund verbunden sind und meist flächige Formen besitzen. Sowie die Strauchflechten, die wie winzige Sträucher mit vielen kleinen Verzweigungen nach oben wachsen, um dann bartartig (Baumbart) herabzuhängen.

Eine der bekanntesten Strauchflechten ist der Gewöhnliche Baumbart (Usnea filipendula), der inzwischen aufgrund intensiver Forstwirtschaft und Luftbelastung zu den stark gefährdeten Flechten in Deutschland zählt. Auch die Rentierflechte (Cladonia) ist eine Strauchflechte. Viele von uns kennen die gelblich-grauen Flechtentuffs als Dekorationsmittel in Friedhofsgestecken oder als kleine Bäume und Sträucher zur Gestaltung von Modelllandschaften. Ihren Namen verdankt die Flechte ihrer Form, die an Rentiergeweihe erinnert. Dazu ist sie vor allem im Winter auch eine wichtige Nahrungsquelle für die Rentiere.

Bei uns häufig anzutreffen ist die Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina). Diese Blattflechte ist typisch für stark gedüngte Böden. Du findest sie auf vielen Unterlagen mit erhöhtem Nährstoffoffgehalt, z.B. durch Tierhaltung. Dazu gehören die Borken von Laubbäumen, Mauern, Betonplatten und Steine. Der Anteil an Gelbflechten hat bei uns in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Zu den Blattflechten zählt auch Parmelia saxatilis. Diese Flechte bevorzugt hell stehende Laubbäume. In Deutschland stehen Parmelia-Arten unter Naturschutz, denn für sie haben sich ihre Lebensbedingungen bei uns stark verschlechtert. Sie vertragen keine hohen Nährstoffgehalte und auch keine Pestizide.

Als Krustenflechte liebt die Mauerflechte (Protomarmeliopsis muralis) nährstoffreiche Gesteine. Sie ist widerstandsfähig gegenüber Umweltbelastungen und besiedelt auch Bordsteinkanten und Betonplatten.

Nicht zu unterschätzen – nützliche Eigenschaften der Flechten

Flechten besitzen eine große Vielfalt an chemischen Inhaltsstoffen, deshalb werden sie gerne in Medizin und Kosmetik verwendet. Wie z.B. das Isländische Moos (Cetraria islandica), eine Strauchflechte, die am Boden wächst und deren Inhaltsstoffe in hustenstillenden Mitteln verwendet werden.

Andere Flechtenarten enthalten leicht antibiotisch wirkende Substanzen, die auch Bäumen Schutz vor Pilz- und Bakterieninfektionen bieten. Eichenmoos (Evernia prunastri) und Kleienflechte (Pseudevernia furfuracea) werden aufgrund ihres intensiven Eigengeruchs, als herbe Duftstoffe in der Parfumindustrie verarbeitet.

Landkartenflechten (Rhizocarpon geographicum) finden Verwendung bei der Datierung des Rückgangs von Gletschern. Denn sie siedeln sich auf blanken Flächen neuer eisfreier Stellen schnell an. Du erkennst sie an ihre Unterteilung in kleine kantige Felder, die durch einen schwarzen Rand voneinander getrennt sind. Sie wachsen nur etwa 0,1 mm im Jahr und können über 1.000 Jahre alt werden.

Flechten eignen sich hervorragend als Bioindikatoren (Zeigerorganismen), wenn es Umweltbedingungen, wie die Luftqualität betrifft. Deshalb werden sie gerne bei Untersuchungen von Umweltbelastungen eingesetzt.

Die meisten Flechten sind auf eine hohe Luftqualität angewiesen. Sie nehmen die Nähr- und Schadstoffe ungefiltert aus der Luft auf und reagieren entsprechend sensibel auf diese Stoffe, insbesondere auf Schwefeldioxid und Schwermetalle. Deshalb wirst Du in Innenstädten kaum noch Flechten finden.

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